Weltwoche 33/2008

Sefika Garibovic

«Therapien verwirren die Kinder»

Von Daniela Niederberger

 

Sefika Garibovic bringt ausländische Kinder und Jugendliche, die unregierbar sind, die stehlen und Drogen nehmen, wieder auf den rechten Weg. Was es dazu braucht: schöne Kleider, Haltung, eine gewisse Strenge, Liebe auch. Was es nicht braucht: Psychologen.

 

Was sind das für Kinder, mit denen Sie es zu tun haben?

Es sind austherapierte Kinder und Jugendliche. Oft aus fremden Kulturen. Sie waren bei Psychiatern, Psychologen und Pädagogen aller Arten. Sie waren stationiert, platziert, manche haben zahlreiche Heimaufenthalte hinter sich. Sie finden ihren Platz nicht; bei sich selber, in der Familie, in der Gesellschaft. Manche sind kriminell geworden. Und dann kommen sie zu mir. Die Sozialbehörden oder Jugendanwaltschaften haben gemerkt: Das ist enorm teuer. Ein Heimplatz kostet zwischen 7000 und 30 000 Franken - im Monat! 7000 Franken, das sind die Harmlosen. 30 000 Franken ist die geschlossene Abteilung. Ich fragte mich schon länger, was wir hier machen. Diese Kinder sind nicht psychisch krank. Sie sind gestört, weil sie hin und her gerissen wurden.

Was können Sie da tun?

Als Erstes verlange ich von den zuständigen Behörden: Alle Therapien per sofort abstellen.

Weshalb?

Die Fachleute sind auf ihren Gebieten sicher gut. Aber wie gesagt, diese Kinder sind nicht krank. Deshalb bringt der Weg, wie er in der Schweiz eingeschlagen wird, über Therapien und noch mehr Therapien nichts. Die verschiedenen Therapien verwirren die Kinder. Ich kann mit den Kindern nur erfolgreich sein, wenn wir ganz klare Ziele vor Augen haben.

Wie gehen Sie konkret vor?

Ich treffe sie vor allem nie hier in meinem Büro. Ich gehe in die Familie, ich beobachte sie in der Schule. Ich will ihr Leben sehen. Ich kenne sie nicht und muss darum zu ihnen gehen, um zu erfahren, wie es mit ihnen steht. Das bedeutet, dass ich auch mal morgens um zwei Uhr, unangemeldet, zu Hause auftauche. Es geht um den Schutz der Kinder. Ich will sehen, was für ein Klima in der Familie herrscht. Ist der Vater betrunken? Ist das Kind noch auf? Die Kinder dürfen mich immer anrufen, 24 Stunden, am Wochenende, in den Ferien. Sie merken: Da kümmert sich jemand um mich. Wenn ich in die Familie gehe, sehe ich viel mehr, als wenn ich die meterhohen Dossiers lesen würde, die mir die Behörden manchmal übergeben. Es gibt kein Kind, das so zur Welt kommt. Die werden kaputtgemacht von den Erwachsenen. Und was eben gar nichts bringt: wenn man sie in eine Sprechstunde kommen lässt, 45 Minuten, so, jetzt erzähl mal. In der ersten Zeit rede ich zu 90 Prozent.

Was ist Ihr Rezept?

Es gibt kein Rezept. Ein kaputtes Kind ist kein Gerät, das man nach Schema X flicken kann. Hierzulande versucht man es zu oft mit Schema X, vor allem bei Kindern aus fremden Kulturen. Ein Junge aus dem Iran hat eine andere biologische Entwicklung als der Sohn von Herrn Müller. Unsere Lehrer können damit nicht umgehen und schicken solche Kinder sofort zu Psychologen. Sie dekodieren das Verhalten als Störung. Dabei geht es um die normale körperliche Entwicklung. Das Kind hat nur das Pech, dass es vielleicht als einziges in der Klasse so weit ist. Meine Aufgabe ist es, solche Buben und Mädchen zu coachen. Beispielsweise musste ich einem Jungen aus dem Balkan beibringen, wie er auf ein Mädchen zugehen soll. Nicht mit ordinären Worten oder indem er sie betatscht. Viele Kinder werden zerstört durch die vielen «Abklärungen».

Wie meinen Sie das?

Ein Kind, das zum Psychologen geschickt wird, beginnt zu glauben, es sei krank, nicht normal. Ich kenne Familien, da sind vier Kinder in Heimen platziert. Rechnen Sie mal aus, was das kostet! Wer bezahlt das? Wir alle. Da ist es billiger, jemand geht in die Familien und versucht, die Ursachen zu beheben. Ich bringe den Kindern und Eltern bei zu kommunizieren.

Können Sie einen Fall schildern?

Da ist ein Bub aus Algerien, der war in über dreissig Heimen, auch in der geschlossenen Anstalt. Er wurde mir von einer Jugendanwaltschaft zugewiesen. Als Achtjähriger rauchte er Cannabis, als Zwölfjähriger konsumierte er harte Drogen. Er beging alle möglichen Delikte: Diebstahl, sexuelle Übergriffe, alles.

Waren die Eltern zu wenig anwesend?

Das ist eine Ausrede. Immer heisst es, die Eltern waren halt nicht da. Ich kenne genügend Beispiele, wo die Eltern den ganzen Tag da sind und ihre Kinder dennoch nicht im Griff haben. Es reicht, jeden Tag eine Stunde mit dem Kind zu reden, aber richtig.

Was heisst «die Kinder im Griff haben»?

Man muss dem Kind beibringen, dass es sich unterzuordnen hat. Die Eltern müssen das Kind führen, dem Kind zeigen, was geht und was nicht. Viele Eltern tun dies nicht oder zu wenig. Auch, weil sie sich von den Schulbehörden das Heft aus der Hand nehmen lassen.

Was sprechen Sie an?

Sagen wir, ein Kind wird schon im Kindergarten «abgeklärt», weil es auf irgendeine Art auffällt. Es wird zum Therapeuten geschickt. In der ersten Klasse geht das weiter, weil solche Dossiers das Kind begleiten. Die Eltern denken, jetzt kümmert sich eine Fachperson um Dragan, und sie ziehensich in die Rolle der Zuschauer zurück. Sie geben ihre elterliche Verantwortung ab. In den Augen ihrer Kinder werden sie degradiert, ihre Autorität nimmt Schaden.

Wenn ein Achtjähriger Cannabis raucht, haben die Eltern ja zweifellos etwas falsch gemacht.

Ganz klar. Das sind oft Kinder, die daheim oder später im Kindergarten die grosse Show abziehen. Das finden alle lustig. Die Eltern applaudieren. Die Kleinen steigern sich kontinuierlich, das Selbstvertrauen wächst und wächst. Irgendwann stören sie nur noch. Die Lehrer rufen nach Fachleuten, das Kind wird zum Psychologen geschickt. Völlig falsch. Viel eher müsste man jemanden zu den Eltern schicken und diesen beibringen, wie man seinem Kind Grenzen setzt. In 99 Prozent der Familien, in die ich hineinsehe, stimmt die Hierarchie nicht.

Die Kinder haben zu viel zu sagen?

Natürlich! Es sind kleine Könige mit unermesslichem Selbstvertrauen. Nachher kommen all die «Abklärungen», bis das Selbstvertrauen gebrochen ist. Statt dass man die Eltern in die Mangel nehmen würde. Wenn Kinder ihre Eltern sogar schlagen - wie ich das erlebe , ist das ein Schrei: Hier stimmt etwas nicht.

Kommen wir zu dem algerischen Jungen zurück. Wo haben Sie ihn getroffen?

Er war in einem Heim. Er sass breitbeinig in seinem Stuhl, die Baseballkappe ins Gesicht gezogen, und schaute aggressiv. Die Sozialarbeiterin, die mitkam, war ganz eingeschüchtert. Er war erst fünfzehnjährig, wirkte aber älter. Er sagte: «Was wollen Sie von mir? Ich kann Sie verprügeln.» Ich sagte: «Okay», und schaute ihn an. Er sagte: «Ich werde jetzt einen Joint rauchen.» Ich sagte: «Okay, aber ich mache das Fenster auf.» Es ging um reine Positionierung. Er versuchte, mir Angst zu machen. Ich signalisierte ihm: Ich habe keine Angst und akzeptiere dich so, wie du bist. Ich lasse dir den Joint, öffne dafür aber das Fenster. Bei ersten Treffen wird das Feld abgesteckt. Deshalb ist es auch wichtig, wie ich sitze, wie ich mich anziehe.

Wie Sie sich anziehen?

Das ist mein Werkzeug. Meine ganze Performance, wie ich auftrete, wie ich kommuniziere, wie ich dastehe. Ich kann nicht in Birkenstöcken kommen oder ungepflegt aussehen.

Weshalb nicht?

Das ist meine Erfahrung. Respektspersonen kommunizieren auch nonverbal. Da geht es immer auch um Kleidung und Haltung. Ich will ja, dass diese jungen Menschen, die keine Achtung mehr haben vor Autoritäten - Eltern, Lehrer -, mich als Respektsperson akzeptieren. Die würden das nie tun, wenn ich leise und zitternd aufträte. Die brauchen starke Figuren und Vorbilder. Mädchen beginnen mich oft zu kopieren. Die Jungen sagen: «Frau Garibovic, ich werde nie eine Frau heiraten wie meine Mutter.» Das sagte mir Mohammed *, der Algerier. Seine Mutter sass daneben. «Ich werde eine Frau heiraten wie Sie!»

Oh, wie peinlich.

Nein, es war mir nicht peinlich. Es hat mich geehrt. Meine Kinder lernen, zu ihrer Meinung zu stehen, auch zu kritisieren. Ich sage nicht «meine Klienten», ich sage «meine Kinder». Ich versuche nicht, Dinge aus der Vergangenheit aus ihnen herauszuziehen. Sie sprechen oft von sich aus darüber. Sie lernen, sich auszudrücken, ihre Ansichten zu vertreten, aber auf respektvolle Art, ohne Gewalt. Zuschlagen geschieht oft aus einer Frustration heraus, weil sie die Worte nicht finden. Sie müssen lernen zu reden. Ich bin sehr streng mit meinen Kindern. Aber ich höre häufig: Das habe ich vermisst, dass jemand mich lenkt.

Wie ging es weiter mit dem Araberjungen, der eine Frau wie Sie heiraten wollte?

Ich fragte: «Warum? Deine Mutter betet fast den ganzen Tag. Ich bete nicht, ich trage ärmellose Shirts, schau, Mohammed, ich trage Hosen. Ich stehe gerade hin und schaue den Leuten direkt in die Augen. Du sprichst mit mir über deine Sexualität.» Da sagte er: «Frau Garibovic, ich möchte eine zukünftige Ehefrau und Mutter meiner Kinder, die mir auch mal sagt: Stopp. Dass sie mich mal kontrolliert.» Zu seiner Mutter sagte er: «Du hast mir nie gesagt, nein, das geht nicht. Du hast mir immer alles serviert.»

Das sagte er zu seiner Mutter?

Ja. «Du hast dich nie dafür interessiert, wie es mir geht. Ich kam morgens um vier Uhr nach Hause. Du hattest Angst vor mir! Warum? Als ich das erste Mal bemerkte, dass du Angst vor mir hast, habe ich immer wieder versucht, Angst zu verbreiten. Immer wieder brachte mich die Polizei nach Hause. Das machte mich gross.»

Wie ist denn die Mutter? Kann sie schlecht Deutsch? Ist sie nicht integriert?

Ach! Ich habe eine Mutter in Wetzikon, sie spricht perfekt Schweizerdeutsch. Ich habe Mühe mit unseren Sozialwerken, die immer mit der Ausrede kommen, ja, sie kann halt die Sprache nicht. Ich bin selber Frau «Itsch», stamme vom Balkan. Ich habe meinen Weg hier gemacht ohne einen Herrn Müller. Mit Ehrlichkeit und mit Selbstverantwortung. Es geht auch gar nicht nur um mangelnde Integration. Die Kinder, die ich coache, sind sich selber fremd. Manche dieser Typen, die ich betreue, sind nach zwei Monaten kompatibel mit unseren öffentlichen Schulen. Nach sechs Monaten fragen mich die Behörden: «Was haben Sie mit dem gemacht, er ist so freundlich.» Sie finden eine Lehrstelle. Ein Sexualstraftäter arbeitet jetzt problemlos in einem Schulhaus in Zürich. Wie kann es sein, dass so einer das schafft? Und was sagt das über unsere ganzen Fachleute?

Was braucht es denn neben den Experten?

Schlicht Erziehung oder besser: Nacherziehung. Es geht oft um banale Dinge. Diesen Kindern muss man zuerst einmal beibringen, wie man sich im Alltag ausdrückt. Dass man danke und bitte sagt. Was Höflichkeit bedeutet. Da braucht es keine Psychologen.

Sie sagen, am Anfang würden Sie zu 90 Prozent reden. Was sagen Sie den Kindern?

Ich sage: «Mohammed, schau, ich nehme mir Zeit für dich, gib mir die Chance.» Wir haben normal geredet. Ich sage: «Ich werde in deine Welt kommen, mit dir, ich werde dich begleiten.» Ich rede über Ethik und Moral. Ich erzähle auch von mir. Es geht langsam. Das Vertrauen ist nicht von heute auf morgen da. Oft provozieren sie erst einmal. Beginnen sich beispielsweise demonstrativ zwischen den Beinen zu kratzen. Ich sage: «Ich finde das total daneben, was du machst. Stell dir vor, ich würde das Gleiche tun.» Nach einer Weile hören sie auf.

Wo steht der Algerierjunge heute?

Wir haben anderthalb Jahre gearbeitet und werden uns bald trennen. Er spielt in einem Fussballklub, macht ein Praktikum als Betriebspraktiker in einem Schulhaus mit über 400 Mädchen und Knaben. Er besucht Sprachkurse. Er pflegt sich maximal, ich traf noch nie einen Mann, der sich so pflegt. Kein Heroin, kein Kokain mehr. Nicht einmal Zigaretten. Er ist jetzt siebzehn Jahre alt.

Was sind Kapitalfehler von Eltern, denen die Kinder derart aus dem Ruder laufen?

Dass keine wirkliche Eltern-Kind-Hierarchie besteht. Dass die Eltern Zuschauer oder Partner sind. Wichtig ist auch, dass die Eltern lernen, ihre Kinder zu kritisieren. Viele tun das nämlich nicht oder viel zu wenig, aus Angst, die Liebe ihrer Kinder zu verlieren. Beim Familiennachzug beobachte ich oft, dass die Elternrolle nicht ausgeübt wird. In einer Partnerschaft muss man nichts: Als Partner kann ich kommen und gehen, wann ich möchte. Solche Kinder haben in der Schule Mühe, Anweisungen zu befolgen.

Kann man in sieben Monaten oder einem Jahr reparieren, was fünfzehn Jahre schieflief?

Meine Kinder lernen, Verantwortung zu tragen, ein Ziel vor Augen zu haben. Sie lernen zu kommunizieren. Neulich sagte einer: «Frau Garibovic, ich habe mich verliebt. Ich habe dem Mädchen gesagt, sie habe schöne Haare, ihr eine Blume gegeben.» Das ist mein schönster Lohn. Die lernen das, und die behalten das. Sie lernen: Wie stelle ich mich vor beim Arbeitgeber? Wie begrüsse ich Leute? Dass man am Morgen aufsteht. Werte und Normen. Ich betreue gerade zwei Schwestern in Schaffhausen. Sie sind zwölf und fünfzehn Jahre alt. Sie machten, was sie wollten. Sie gingen mitten in der Nacht nach Zürich, in Nachtklubs. Die Eltern gaben vor, davon nichts zu wissen. In der Schule schwänzten sie. Beim ersten Treffen blies sich der Vater auf: «Was wollen Sie mir beibringen, ich brauche niemanden.» Ich sagte, ich sei von der Jugendanwaltschaft beauftragt, seine Töchter anzuschauen. Es liege an mir, zu bestimmen, ob ich mit ihm arbeiten wolle. Es gab Gewalt in der Ehe, der Vater ging oft fremd. Die Mutter deckte die Töchter, unterschrieb im Absenzenheft, wenn sie schwänzten, damit der Vater nicht ausrastet. Nach aussen wirkte alles picobello. Zuerst musste ich alles auf den Tisch bringen. «Stimmt es, dass Ihre Ehe so ist? Stimmt es, dass Sie fremdgehen? Ihre Töchter haben sich aus dem Grund in eine falsche Richtung entwickelt.» Die jüngere war in ihrem Zimmer, die Stiefel auf dem Pult. Ich sagte ihr: «Kommen Sie ins Wohnzimmer, ich habe eine Sitzung mit Ihren Eltern und Ihrer Schwester. Ich möchte Sie in fünf Minuten hier haben.»

Und?

Nach zehn Minuten kam sie. In erster Linie habe ich jeweils einen Konflikt mit den Eltern. Ich muss ihnen klarmachen, dass ihre Kinder ein Produkt ihrer Unfähigkeit sind. Ich muss sie befähigen. Der Vater war ein gutaussehender Mann, super angezogen. Er sagte: «Was wollen meine Töchter? Sie haben alles.» «Das reicht nicht», sagte ich. «Fragen Sie Ihre Tochter, wie es ihr geht, wenn sie vom Nachtklub heimkommt. Sie lebten wild in Ihrer Ehe, Lügen hier, Lügen dort. Die Kinder registrieren das. Und laufen irgendwann davon und sind kaputt. Dann ist es zu spät. Sie sind der Vater hier. Sie müssen jetzt die Vaterrolle üben.» Letzte Woche wollte ich die Eltern und die Mädchen am Sonntag um 8 Uhr hier im Büro sehen.

Am Morgen oder am Abend?

Am Morgen. Da tönte es: «Aber Frau Garibovic, um 8 Uhr am Sonntag?» Ich sagte: «Das möchte ich, das hat nichts mit Sadismus zu tun. Ich möchte, dass Sie und Ihre Töchter lernen, sich nach anderen zu richten. Und überhaupt: Finden Sie es okay, wenn Ihre Töchter am Sonntag bis um 14 Uhr schlafen?» Als ich die Mädchen die ersten Male sah, waren sie geschminkt wie türkische Bräute. Jetzt kamen sie ausgeschlafen und ungeschminkt.

Wie kamen Sie zu Ihrem Beruf?

Ursprünglich habe ich Forstingenieurin studiert in meiner Heimat. Ich kam vor 19 Jahren in die Schweiz. Ich arbeitete für eine private Stiftung in einem Naturschutzgebiet mit schwervermittelbaren Arbeitslosen. Es waren vor allem Leute mit Suchtproblemen und psychischen Störungen. Es ging darum, sie wieder zu sozialisieren. Ich verdiente gut und war stolz, dass ich einen guten Job hatte. Man sagt oft, als Frau und erst noch vom Balkan stammend, habe man hier keine Möglichkeiten. Das stimmt nicht. Meine Tochter kam zwei Jahre nach mir in die Schweiz. Ich wollte mich erst einleben und beruflich etablieren. In der Schule bekam sie Probleme.

Weshalb?

In meiner Ex-Heimat sind Frauen bevorzugt. Den Mädchen wird beigebracht, stark zu sein, frontal zu kommunizieren und sich zu pflegen. Hier haben die Männer Angst vor solchen Frauen. Meine Tochter fiel auf, sie war lebendig. Jedenfalls war sie zu viel für den Lehrer. Er wollte sie zu einem Psychologen schicken. Das war ein Riesenschock für mich. Ich gab meinen Beruf auf und arbeitete in einem Spital in Winterthur als Schwesternhilfe. So konnte ich über Mittag und nach Schulschluss zu Hause sein. Zum Glück kam alles gut heraus. Das war der Impuls zu meinem heutigen Beruf.

* Name geändert

 

 

 

Biografie Sefika Garibovic

Von Daniela Niederberger

 

Sefika Garibovic ist Expertin für interkulturelle Kommunikation. Sie arbeitet mit Kindern und Jugendlichen - oftmals ausländischen -, die mit ihrem Verhalten anstossen. Garibovic wird gerufen, wenn alles andere nichts mehr bringt. Sie ist eine Super-Nanny für die schwierigsten Fälle, manche ihrer Zöglinge waren kriminell. Garibovic kam vor knapp zwanzig Jahren in die Schweiz, aufgewachsen ist sie in Serbien-Montenegro und war ursprünglich Forstingenieurin. An der Universität Luzern machte sie das Nachdiplomstudium «Interkulturelle Kommunikation und Konfliktmanagement». Ausserdem bildete sie sich zur sozialpädagogischen Therapeutin weiter. Wer mit Sozialpädagogin automatisch einen schwachen Händedruck und gesunde Schuhe verbindet, liegt falsch. Zurechtgemacht wie für einen Fernsehauftritt, kommt sie einem entgegen, eine raumfüllende, gutaussehende Frau. Als Erstes zeigt sie Fotos ihres Enkelkindes und ihrer Tochter. Im Gespräch springt sie immer wieder vom Stuhl auf, wenn ihr ganzer Körper mithelfen muss, einen Punkt zu unterstreichen.