Migros-Magazin 29 / 14. Juli 2008

Wenn Eltern genau hinschauen

Text Manuschak Karnusian / Bild Annette Boutellier

 

 

 

Zu Besäufnissen, Schlägereien und Vandalismus soll es im bernischen Niederscherli erst gar nicht kommen. Um ihre Kinder im Auge zu behalten, gehen die Eltern abends hinaus auf die Strasse. Auf Rundgängen markieren sie gemeinsam Präsenz.

 

Als vor vier Jahren in Niederscherli die Schulküche unter Wasser gesetzt wurde, waren sich die Eltern einig: So geht es nicht weiter. Es war nicht der erste Vandalenakt. Wiederholt wurde bereits der Jugendtreff ausgeraubt. Und es gab den Versuch, die S-Bahn zu blockieren. Die Eltern merkten, dass Niederscherli, das mit seinen 3000 Einwohnern zur Gemeinde Köniz gehört und acht Kilometer von Bern entfernt ist, nicht mehr das ruhige, ländliche Dorf von einst war, sondern zur städtischen Agglomeration gehörte.

 

Auch die im Elternrat engagierte Mutter Irène Veuve (40) war beunruhigt. Obwohl ihr Sohn Alano (16) und ihre beiden Töchter Alène (13) und Alisa (10) nicht in die Vorfälle verwickelt waren. «Wir Eltern haben Verantwortung und müssen diese wahrnehmen», sagt die engagierte Mutter.

Wegen ihres Sohns, dessen Haare schon jede Farbe hatten und der zu den «coolen» Jungs im Ort gehört, musste sie mehrmals mit anderen Eltern Streitigkeiten klären. «Meine Kinder sind keine Engel, sie sollen leben können», sagt sie und scheut sich nicht, auch mal hart durchzugreifen: «Sie haben viele Freiheiten und ich schenke ihnen Vertrauen – bis ich etwas höre, dann ziehe ich die Konsequenzen.»

Irène Veuve steht mit anderen Eltern in regem Kontakt und holt sich auch mal professionelle Hilfe: «Ich habe schon viele gute Tipps bekommen.» Das ist nicht selbstverständlich, wie Stephan Schüepp von der Könizer Fachstelle Prävention weiss: «Viele Eltern grösserer Kinder tauschen sich nicht mehr untereinander aus. Sie ziehen sich zurück und hoffen im Stillen, dass ihre Kinder heil davonkommen.» Für das Vorhaben in Niederscherli liess er sich vom israelischen Psychologieprofessor Haim Omer in-spirieren. Omer ist mit seiner Methode der elterlichen Präsenz – einer Anlehnung an Mahatma Gandhis gewaltfreien Widerstand – sehr erfolgreich: Eltern können, ohne viel zu reden, nur mit ihrer Präsenz eine Situation entschärfen. Aus dieser Idee entstand das «Eltern-Commitment» (elterliches Engagement). Niederscherli organisierte einen Informationsabend, der gut besucht wurde.

 

Interesse zeigen, Regeln definieren

Das «Eltern-Commitment» ist kein Rezept für einen Erziehungsstil, sondern eine Abmachung. Die Eltern machen klar, dass sie gewisse Handlungen und Haltungen nicht tolerieren und notfalls eingreifen. In Niederscherli ist es ein Bekenntnis unter dem Titel «Respekt». Beispiel: Die Eltern interessieren sich, wo und mit welchen Kollegen sich ihre halbwüchsigen Kinder aufhalten. Sie reagieren, wenn diese Alkohol, Tabak oder Drogen konsumieren. Oder: Abfall wird entsorgt. Und sie informieren andere Eltern, wenn diese Grundsätze nicht eingehalten werden.

Tönt banal – und doch läuft es meistens anders. Schnell werden Lehrer, Jugendarbeiter oder sogar die Polizei gerufen, sobald Probleme auftauchen. Oft fallen die Eltern dann aus allen Wolken. «Väter und Mütter sollen aber nicht als Letzte davon erfahren, wenn ihre Kinder etwas angestellt haben», sagt Stephan Schüepp von der Könizer Fachstelle Prävention. Das verunsichert auch Irène Veuve: «Ich weiss jeweils nicht, ob niemand etwas zu sagen wagt, oder ob gar nichts vorgefallen ist.»

 

Was ist sachliche Info, was Verpetzen?

Am Info-Abend wurde deutlich, dass alle Eltern im gleichen Boot sitzen. Und doch scheint es schwierig, den Nachbarn zu sagen, man habe ihr Kind mit Alkohol gesehen. Schnell fallen Wörter wie petzen und Bürgerwehr. «Ich versuche, immer nett zu bleiben. Schliesslich meine ich es ja nicht böse», lautet Veuves Rezept. Doch gehe es nicht darum, Eltern anzuklagen oder ihnen den eigenen Erziehungsstil aufzuzwingen, sondern eher darum, sachlich zu informieren. Konkret wollen die Eltern in Niederscherli an Sommerabenden Spaziergänge machen und an den Treffpunkten der Kids anwesend sein. «Die Jugendlichen merken so, dass sie den öffentlichen Raum teilen müssen», weiss Schüepp, «und die Hemmschwelle, Unerlaubtes zu tun, steigt.»

 

Auch Irène Veuve will an einem Rundgang teilnehmen und hofft, dass sich viele Eltern motivieren lassen. «Wir haben die Chance, uns jetzt der Situation anzunehmen, und zwar nicht erst, wenn die Probleme grösser werden», ist sie überzeugt. Die Jugendlichen sollen nämlich weiterhin auf der Strasse sein dürfen.


 

DAS SAGT DER EXPERTE

 

Urs Rohr (45), Projektleiter Jugendliche bei der Suchtpräventionsstelle der Stadt Zürich.

 

Urs Rohr, wie werden Jugendliche im öffentlichen Raum wahrgenommen?

Sie sind willkommen als Konsumenten, aber sonst ecken sie schnell an. Die Toleranz ihnen gegenüber ist in den letzten Jahren gesunken.

Weshalb?

Es ist eine Provokation für die Erwachsenen, wenn Jugendliche den öffentlichen Raum für sich beanspruchen. Auch Neid spielt mit, wenn sie ihre eigenen Regeln aufstellen und die der Eltern nicht gelten lassen.

Wo sind denn die Eltern?

Viele übernehmen keine Verantwortung für die Jugendlichen auf der Strasse. Auch ihr Engagement für die Gemeinde oder das Quartier schwindet.
 

Haben Erwachsene nicht einfach Angst vor einer Gruppe Jugendlicher?

Manchmal zu Recht. Die Bereitschaft, handgreiflich zu werden, ist grösser geworden. Man fühlt sich als Einzelperson ohnmächtig.

 

Wie soll man sich verhalten?

Wir brauchen eine moderne Form von Autorität, und die kann man nur im Netzwerk ausüben. Aus diesem Grund sind Gemeinschaft, Solidarität und Nachbarschaftshilfe so wichtig. Die Eltern und da meine ich ausdrücklich auch die Väter müssen sich zusammenschliessen.