Natürlich 12/2008Tödliche TierliebeHans Peter Roth
Ungeachtet internationaler Proteste machen japanische Fischer jedes Jahr Jagd auf über 20 000 Delfine und Kleinwale. Besonders zynisch: Der Verkauf von lebend ausgesonderten Tieren für Delphinarien macht die Treibjagd auf Delfine erst lukrativ.
«Es geht los!» Aufregung und Empörung in Richard O’Barrys Stimme sind unüberhörbar, obschon er fast flüstert. «Die Fischerboote sind zur Delfinjagd ausgelaufen, alle 13!» Die vor Sonnenaufgang durchgeführte Erkundungsfahrt zum 700 Kilometer südlich von Tokio gelegenen Fischerort Taiji hat alles klar gemacht. Nun heisst es für den amerikanischen Delfinschützer, sich möglichst schnell wieder in die Unterkunft im benachbarten Dorf zurückzuziehen, um nicht erkannt zu werden. Jagd auf Tausende DelfineRot steigt die Sonne aus dem Pazifik und taucht die malerische Landschaft der japanischen Kii-Halbinsel in ein atemberaubend schönes Morgenlicht. «So nah können Himmel und Hölle beisammen sein», meint Ric O’Barry bitter, während er seinen Mietwagen zum Nachbardorf zurücksteuert. «Die Delfine, die heute eingefangen werden, waren bei Tagesanbruch noch freie Kreaturen in vollendeter Schönheit. Morgen ist von ihnen nichts mehr übrig als eine blutgefärbte Bucht und kleine Fleischwürfel. Weit über 20 000 Delfine werden in Japan jedes Jahr abgeschlachtet, schätzt O’Barry. Davon töten 26 Delfinjäger während der «Jagdsaison» von September bis März allein in Taiji 2500 Tiere. Nicht eingerechnet sind jene, die bereits während der Treibjagd auf dem offenen Meer an Erschöpfung oder Stress zugrunde gehen oder Delfinmütter, die in der Panik kalben und ihre Babys verlieren.
Vom Flipper-Trainer
zum Delfischützer
In der Todesfalle Zurück in der Unterkunft kann der Delfinschützer endlich seine Tarnung abnehmen: Schwarze Mütze, Sonnenbrille und eine in Japan häufig verwendete und daher nicht weiter auffallende weisse Atemmaske. Ohnmächtig muss er auf einem Aussichtspunkt über der Küste aus wenigen Kilometern Distanz mit dem Fernglas zusehen, wie die Jäger eine ganze Delfinschule gegen die Küste treiben. Sie hämmern auf ins Wasser gehaltene Metallstangen. Damit stören sie den Orientierungssinn der Meeressäuger und versetzen sie in Panik. Kurz darauf sitzen die verängstigten Tiere in einer engen Bucht, nur 300 Meter vom Taiji-Delphinarium entfernt, in der Falle. Die Delfinjäger riegeln die Bucht mit Netzen ab. «Morgen bei Sonnenaufgang folgt dann das Gemetzel», sagt O’Barry: «mit Haken, Lanzen und Messern stechen die Fischer einen Delfin nach dem anderen ab. Zu Dutzenden. Bis die letzten noch lebenden Tiere im Blut ihrer Familiengenossen schwimmen müssen, bevor auch sie hingeschlachtet werden.»
Als «Schädlingsbekämpfung» bezeichnen diejenigen 26 Fischer von Taiji das, was sie tun, wenn sie mit ihren Booten zur Delfinjagd ausfahren. Die verschiedenen Delfin- und anderen Kleinwalarten, die sie in die Bucht treiben, würden ihnen den Fisch wegfressen, sagen sie. Das Delfinfleisch endet auf den Regalen lokaler Läden, aber auch in Supermärkten weit über die Region hinaus, obschon dieses oft massiv mit Quecksilber belastet ist, wie unabhängige Analysen anerkannter japanischer Institute ergeben haben. Oft seien die Grenzwerte der japanischen Lebensmittelverordnung um ein Mehrfaches überschritten, sagt O’Barry. Giftige Delikatesse«Unverständlich, dass dieses Fleisch noch verkauft wird und dass die japanischen Medien weder darüber noch über die Delfinjagd berichten», kommentiert Ric O’Barry, als er am Nachmittag ins benachbarte Städtchen Shingu fährt. Ziel ist das Okuwa-Einkaufszentrum. Bis vor kurzem wurde hier Delfinfleisch verkauft. Nach Warnungen von Ric verschwand es aus den Regalen. Der Aktivist wird trotzdem fündig. Fleisch von Grindwalen, eigentlich auch eine Delfinart. «Zweifellos in Taiji gefangen. Grindwalfleisch zeigte in der Vergangenheit die höchsten Quecksilberwerte überhaupt!» Der Delfin- und Walschützer kauft Walfleisch – zur Untersuchung im Labor.
Zusammentreiben, Auslesen, TötenDann passiert es: O’Barry wird von einer zivilen Polizeistreife angehalten. Trotz Tarnung und diskretem Vorgehen wurde er erkannt. Damit ist klar, dass ihm die Jäger morgen an der «Todesbucht» einen heissen Empfang bereiten werden. Der Tierschützer war schon etliche Male hier und ist bei den Delfinjägern verhasst. Die Beamten befragen ihn, fotografieren seinen Pass und «begleiten» ihn auf der restlichen Fahrt. Doch sie sind zurückhaltend, ja sogar freundlich. Die Polizei sei neutral, erklärt Ric O’Barry: «Die wollen vor allem eine Eskalation und damit unnötige negative Publizität verhindern.» Doch es wird anders kommen.«Don’t take photo» («nicht fotografieren») steht auf den Schildern, welche die Delfinjäger bereithalten, um damit jede Sicht zur «Todesbucht» zu versperren. Wie befürchtet erwarten sie Ric O'Barry schon, als dieser vor Sonnenaufgang eintrifft, um das Delfinmassaker zu dokumentieren. Doch der Delfinschützer überrascht die Fischer mit einer Filmcrew und Korrespondenten des Ersten Deutschen Fernsehens ARD, die über Nacht aus Tokio angereist sind. Die wütenden Jäger haben alle Mühe, das abzuschirmen, was nun in der Bucht passiert. Aggressiver Motorbootlärm übertönt die Schreie. Schlächter treiben die angsterfüllten Delfine zusammen, legen ihnen Seile um die Schwanzflossen und ziehen sie damit zum Strand. «Einige Tiere ertrinken dabei», sagt O’Barry im Tumult erstaunlich gefasst. «Anderen versagt das Herz.» Besonders zynisch: Nun mischen sich einige Delfintrainer unter die gefangenen Meeressäuger, die sich in Panik winden. Gezielt wählen sie die schönsten aus – es sind Tümmler – und zerren sie auf Tragbahnen. Nachschub für das gleich nebenan gelegene Delphinarium des «Taiji Whale and Dolphin Museum». Dieses dient als Umschlagplatz zum Weiterverkauf der traumatisierten Tümmler an die insgesamt rund 50 Delphinarien in Japan und an viele Anlagen weltweit. «Ein lukratives Geschäft», stellt Ric bitter fest. «Bis zu 200 000 Dollar werden für einen lebenden Delfin geboten. So finanziert die «Delfin-Liebe» der Besucher von Delphinarien letztlich das Gemetzel, welches hier gleich stattfinden wird.»
Zwiespältige TierliebeWährend die ausgewählten Tümmler den Rest ihres Lebens in einem engen Becken verbringen müssen, werden die restlichen Tiere am Schwanz in einen schlecht einsehbaren Teil der Bucht geschleppt und dort eines nach dem anderen zu Tode gestochen. Oft dauert der Todeskampf der hochintelligenten, friedfertigen Meeressäuger im blutroten Wasser Minuten – manchmal Stunden. Als der Schweizer Journalist, welcher Ric O’Barry an den Ort des Geschehens begleitet hat, zum Strand zu gelangen versucht, um die Tötungsaktion besser beobachten zu können, stürzen sich sofort wutentbrannte Delfinjäger auf ihn. Sie werfen ihn nieder, zerren ihn zurück zur Strasse und bedrohen ihn, obschon er gemäss Artikel 21 der japanischen Verfassung, welche die Pressefreiheit auf öffentlichem Boden garantiert, nichts Illegales getan hat. Einige Stunden später herrscht hier wieder Totenstille. Am Strand in der idyllischen Bucht kann man sich unbehelligt bewegen. Doch das Wasser in der «Todesbucht» ist noch immer blutrot. Wenige hundert Meter nebenan, im Delphinarium von Taiji, dürfen die Delfine jetzt niedlich sein und das Publikum mit andressierten Possen belustigen. Wer mag, kann dazu auch Wal- oder Delfinfleisch essen– käuflich in der Anlage. «Die Leute hier mögen Delfine», sagt Richard O’Barry sarkastisch. «Besonders mit Sojasauce.»
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Bilder: Copyright zVg, irisblende.de
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