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Olga Kharitidi
Olga Kharitidi wurde in Sibirien geboren. Sie hat in Nowosibirsk Medizin studiert und als Psychiaterin gearbeitet. Auf ausgedehnten Studienreisen erforschte sie die alten Heilungsmethoden Sibiriens und Zentralasiens und konnte so eine neue Methode zur Heilung psychischer Traumata entwickeln. Heute ist sie praktizierende Psychiaterin in den USA, hält weltweit Workshops und Vorträge zum Thema »Trauma- Umwandlung« und lebt in Minneapolis, Minnesota.
Die Kreation des eigenen Selbst
"Betrachte dich und die Menschen in deiner Umgebung. Sie sind nur damit
beschäftigt, ihr Selbst zu kreieren. Sie sprechen andauernd mit diesem sich
verändernden, wachsenden Wesen und versuchen so, es zu formen.
Einfluss auf die Weltgeschichte "Vor langer Zeit, vor so langer Zeit, dass es gar keinen Sinn hätte, den Zeitpunkt genauer festzulegen, erschütterte eine Katastrophe den grossen Kontinent, der jetzt als Eurasien bezeichnet wird. Diese Katastrophe war von dem elitären inneren Kreis einer kultivierten Zivilisation, die zu jener Zeit in Nordsibirien exisiterte, vorhergesehen worden. Das Klima in jener Gegend war damals sehr mild, ganz anders als heutzutage. Die dort entstandene Zivilisation war hochentwickelt. Ihre Errungenschaften wurden später zum Teil von eurer Kultur kopiert, aber ihre Fähigkeiten und Kenntnisse war von euren so sehr verschieden, dass du es dir gar nicht vorstellen kannst.
Als unmittelbare Folge der Katastrophe trat ein vollständiger Klimaumschwung ein. Statt des warmen, günstigen Klimas kam Frost über das Land. Bald war die ganze Gegend mit Eis bedeckt, und es wurde unmöglich für die Zivilisation, dort zu überleben. Doch auch nach dem Zusammenbruch setzte die führende Elite alles daran, ihr Wissen zu bewahren.
Im Gegensatz zu der euren war diese Kultur nicht von technologischen Entdeckungen geprägt. Ihre grössten Errungenschaften hatte sie in der kontinuierlichen Entwicklung der inneren Dimensionen des Geistes erzielt. Vor der Katastrophe war ihr ganzes soziales System von einer starken Spiritualität durchdrungen, wie sie in eurer materialistischen Kultur nur wenigen bekannt ist. Diese Menschen besassen ein ungeheures psychologisches Wissen. Sie konnten ihr persönliches Zeiterleben selbst bestimmen, und sie hatten gelernt, auf telepathischem Weg über grosse Entfernungen zu kommunizieren. Sie besassen die Fähigkeit, die Zukunft vorauszuplanen, und ihr soziales Gefüge war das effektivste, das je exisitert hat.
Nach der Katastrophe wurde für diejenigen, die physisch dazu in der Lage waren, die Auswanderung in den fernen Süden organisiert. Die spirituelle Elite beschloss zurückzubleiben. Diese Männer und Frauen durchlebten eine Reihe heftiger Transformationen. Von deinem Standpunkt aus gesehen fanden sie den Tod. Aber sie bildeten weiterhin einen kollektiven Kern konzentrierter Energie, der mit dem Rest des Volkes, der sich auf dem Weg nach Süden befand, Verbindung hielt.
Die Menschen, die fortgegangen waren, verstanden das zwar nicht ganz, wussten aber, dass die Ältesten und die Führer ihres Volkes weiterhin irgendwo im Norden lebten und auf ihr Leben und ihre Rituale dadurch Einfluss nahmen, dass sie mit ihren Priestern in spiritueller Verbindung standen.
Mit den Jahren wurde das neue Leben der Ausgewanderten schliesslich ganz vom Kampf ums Überleben in Anspruch genommen. Die Erinnerung an ihre Vergangenheit verblasste allmählich. Da die kollektive Aufmerksamkeit auf die dringenden Bedürfnisse ihrer täglichen, materiellen Existenz gerichtet war, schlug ihre Kultur schliesslich eine ganz andere Richtung ein. Aber der Faden, der sie mit dem Wissen und der Macht ihrer spirituellen Elite verband, ist nie gerissen. Diese Verbindung besteht auch heute noch. Doch im Lauf so vieler Jahrtausende geriet sie mehr und mehr in Vergessenheit. Selbst für die Mehrzahl der Priester offenbart sich die Erinnerung an den spirituellen Ursprung hauptsächlich in Legenden und Mythen. Heute gibt man dem Ort, dan dem das heilige Wissen aufbewahrt wird, verschiedene Namen. Einer davon lautet Belowodje.
Seit Beginn der Völkerwanderung bestand das Ziel der spirituellen Elite in der Bewahrung ihres spirituellen Wissens. Deshalb blieb sie zurück. Doch damit dieses Wissen wahrhaft lebendig bleibt, muss es natürlich immer wieder in das gesellschaftliche Leben neu entstehender Kulturen integriert werden. Und so geschah es auch lange Zeit.
Die Wanderung der Ureinwohner, von der ich dir erzählt habe, war die erste von vielen. Seitdem sind zahlreiche Gruppen nach Sibirien eingewandert und haben sich von den mystischen Kräften der verschwundenen Zivilisation bereichern lassen. Das Altaigebiet wurde zu einem brodelnden Kessel, in dem ständig neue Kulturen entstanden. Ströme der Menschheit lösten sich von dort und zogen in viele verschiedene Richtungen.
Einer von ihnen erreichte das Gebiet des heutigen Iran, wo sich das spirituelle Wissen, das sie mit sich führten, in der Entstehung des Zoroastrismus manifestierte. Später gab diese Gruppe einen grossen Teil ihrer Weisheit an das Christentum weiter. Eine weitere Gruppe, die nach Hindustan gelangte und dort eine Gesellschaft gründete, schuf den reichen Schatz der wedischen Tradition. Der tantrische Buddhismus, der den Ort des ursprünglichen Wissens Shambala nannte, stand jahrhundertelang in direkter Verbindung mit dieser Tradition. Die Menschen, die nach Westen zogen, nannte man später Kelten; sie hielten die Verbindung zu dem gemeinsamen Ursprung über die Zeremonien der Druiden aufrecht. Auf diese Weise wurde das mystische Erbe dieser uralten Zivilisation im Altaigebiet zur Quelle für viele der grossen Religionen der Welt.
Es hat innerhalb dieser verschiedenen Traditionen immer Menschen gegeben, die direkten Kontakt zu Belowodje hatten, Von Zeit zu Zeit wurde Wissen von dort auch deiner eigenen Zivilisation offenbart. Das geschah in Phasen, in denen die Menschheit ernsthaft bedroht war, unter anderem auch während der Weltkriege. Zur Zeit wird euch das Wissen wieder zugänglich gemacht, denn die Macht und die Energie, die ihr angesammelt habt, sind ein Potential, das viele Katastrophen herbeiführen kann. Belowodje öffnet sich eurem Bewusstsein, um euch zu schützen. Es zeigt andere Daseinswelten, die euch erlauben, euer Leben neu zu gestalten."
Auszug aus "Das weisse Land der Seele", S. 286-289
Der innere Zwilling Zu jedem Menschen gehört ein Wesen, das den Raum seines Sees des reinen Geistes bewohnt. Diese Wesen leben im inneren Raum der Menschen, sie warten am Eingang zu Belowodje. Ich nenne ein solches Wesen den inneren Zwilling, aber man könnte es auch als Geisthelfer, Schattenbeobachter, Geistführer oder inneren Wächter bezeichnen. Diese Wesen haben viele verschiedene Funktonen.
Zunächst stehen sie eng mit dem eigentlichen Ziel in Verbindung, das jedem Menschen bei seiner Geburt zugeordnet wird. Ausserdem sind sie reine Beobachter, sie sind distanziert, und die Aussenwelt kann ihnen nichts anhaben. Sie beobachten und denken in Ruhe über alles nach, was wir tun. Sie bewahren die ursprüngliche Essenz jedes neugeborenen Wesens. Wenn wir uns auf die richtige Weise und unter den richtigen Umständen an sie wenden, könne sie wichtige Helfer für uns sein. Sie stehen uns bei den Handlungen zur Seite, die uns unserem wahren Ziel näher bringen. Und schliesslich können sie auch unsere Führer nach Belowodje sein.
Es gibt sieben verschiedene Arten dieses inneren Zwillings. Nur sieben, nicht mehr. Die sieben Typen des inneren Zwillings, die den Menschen zugeordnet werden, sind folgende: Heiler, Magier, Lehrer, Bote, Beschützer, Krieger und Vollstrecker. Letzerer ist nicht jemand, der tötet, sonder der Dinge in Gang bringt.
Eine unserer wichtigsten Aufgaben besteht darin, die Identität unseres inneren Zwillings herauszufinden und uns dann ganz und gar mit ihm zu verbinden. Auf diese weise werden wir eins mit dem eigentlichen Ziel unseres Daseins. Wenn unser Leben dann endlich vom reinen Licht unseres inneren Beobachters erhellt wordne ist, wird alles, was wir tun, viel leichter. Erst wenn man das wesen des eigenen inneren Zwillings entdeckt und sich völlig damit vereinigt, kann man das Tor nach Belowodje wirklich finden und öffnen.
Auszug aus "Das weisse Land der Seele", S. 242 - 243
Über Traumata und Gene
"Jeder auf diesem Planeten möchte glücklich sein. Aber
ebenso verbreitet wie dieser Wunsch ist bei den meisten Menschen das
Unvermögen, ihr Ziel, diesen Glückszustand, zu erreichen. (…) Können Sie mir
sagen, was nach Ihrer Meinung und Ihrer Erfahrung die Ursache des Unglücks
und des Leids in der Welt ist? (…) „Ist es das Böse?“ (…) „Das Böse“ ist ein
grosses Wort. Aber indem man es ausspricht, entfernt man sich von seinem
Ursprung. Es ist als würde man sich selbst oder alles Gute in sich von der
Natur des Bösen lossagen, in dem Glauben, dadurch könne man geheilt und
geschützt werden. In Wirklichkeit ist es umgekehrt. Wenn Sie sich von der
Quelle des Leids distanzieren, wenn Sie es als das Gegenteil dessen
betrachten, was Sie sein wollen (…), dann bringen Sie sich um die Chance, es
zu ändern. Denn es lebt weiter in Ihnen fort, als Teil von Ihnen, der Ihre
Entscheidungen beeindflusst. Aber weil Sie sich weigern, das zu erkennen,
verharren Sie in naiver Ignoranz und werden weiterhin leiden. (…)
Wenn etwas Sie verletzt und Sie das nicht voll und ganz als Teil Ihrer
persönlichen Geschichte akzeptieren, entsteht eine Lücke in Ihrer
Erinnerung; eine Lücke, die, wenn die Verletzung schlimm genug ist oder
häufig wiederholt wird, von einem Dämon besetzt wird. Sie brauchen sich
darunter nicht unbedingt ein altmodisches, scheussliches Monster
vorzustellen, das auf Ihrem Rücken sitzt und Ihnen das Blut aussaugt. (…)
Sie können (…) jede Metapher benutzen, die Ihnen gefällt. Es spielt keine
Rolle, Was wichtig ist, ist der Prozess. Der interne psychsiche Prozess, der
sich häufig über Generationen durch die Vererbung von Traumamustern
fortsetzt, die vielleicht vor sehr langer Zeit bei einem Ihrer Vorfahren
durch eine unerträgliche Verletzung entstanden ist.
Menschliche Gene sind wesentlich flexibler, als wir glauben. Sie nehmen wahr
in demselben Masse, wie sie agieren. Wenn sich eine Verletzung erst einmal
in den Genen niedergeschlagen hat, agieren diese anders und verzerren die
Erinnerung. Dadurch bleibt sie unvollständig. Es entsteht eine Lücke in der
Erinnerung, und der Dämon des Traumas nistet sich ein, unbemerkt von unserem
Bewusstsein. (…)“
Manche Menschen lernen, ihre Tragödien in der Geschichte ihrer Familien „vor
sich selbst und vor ihren Kindern zu verbergen. Sie spielen Verstecken mit
den Dämonen, und raten Sie mal, was passiert. Meistens verlieren sie das
Spiel, denn selbst wenn sie sich nicht erinnern, die Gene – diese
unfehlbaren Gedächtnisbausteine – erinnern sich ganz genau, und der Schmerz
bleibt, bis er geheilt wird.
Derselbe Mechanismus funktioniert auch bei kleineren Dingen. Sobald wir in
diese Welt eintreten, fangen wir an, im Korb unseres Gedächtnisses
individuelle Verletzungen zu sammeln. Wie sich dieser Prozess weiter
fortsetzt, entspricht Darwins Vorstellungen vom Überleben des Stärkeren,
aber er dehnt sich aus auf die psychische Ebene. Jedes Geschöpf versucht zu
überleben. Das gilt auch für die Dämonen des Traumas. Sie müssen „essen“.
Sie sind immer hungrig. Sie schaffen „Nahrung“ für sich, indem sie mehr
Schmerz erzeugen. Wie kommt das Paradox zustande, dass Opfer von
Misshandlungen selbst zu den schlimmsten Misshandlern werden? Das ist nicht
logisch, aber für die Dämonen des Traumas ist es absolut „folgerichtig“, in
Opfern von Misshandlungen zu wachsen und sich zu ernähren, indem sie den
Schmerz wieder von neuem erzeugen. (…)
Krankheiten sind das Mittel, mit deren Hilfe der Organismus versucht, das
Trauma auf eigene Faust zu bekämpfen. Wie oft habe ich erlebt, dass Menschen
in ganz bestimmten Lebenssituationen krank werden und nach Hilfe verlangen,
Situationen, in denen der Dämon bei einem Menschen mit lückenhafter
Erinnerung plötzlich aktiv wird. Deswegen treten viele Heilerfolge dann ein,
wenn der Patient in der Lage ist, die Wurzel des Traumas auszumerzen. (…)
Auszug aus "Samarkand", S. 61 - 65 |