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Weltwoche 45 / 2008
Fredmund Malik
«Das Debakel kommt erst»
Die Rettungsaktionen für Banken
hätten nur einen kurzzeitigen Effekt, sagt Professor Fredmund Malik. Das
Shareholder-Value-Denken gehöre abgeschafft, geldgetriebene Manager
müssten entlassen werden. An eine rasche Erholung der Wirtschaft glaubt
er nicht.
Von Carmen Gasser
Herr Malik, Sie
gelten als Krisenprophet, der im Nachhinein meist recht bekam. Ende der
Neunziger kritisierten Sie, Martin Ebners Aktiensparpläne für
Kleinanleger seien zu riskant. Später warnten Sie vor einem Platzen der
New-Economy-Blase und den Risiken des amerikanischen Marktes für die
Welt. Warum ist es nun so still um Sie geworden?
Es ist tragisch,
aber interessant zu sehen, wie viele Krisenexperten es nun in den
Talkshows, Arenen und in der Presse gibt, die vorher keinen Ton über
eine mögliche Krise verlauten liessen. Ich kritisierte als Erster die
Auswüchse in den USA, einige andere haben nachgezogen. Daher muss ich
damit nicht hausieren gehen, denn meine Meinung ist bekannt.
Das
Wirtschaftssystem spielt verrückt. Börsen rauschen von oben nach unten.
Banken kollabieren. Der Staat greift als Retter ein. Was denken Sie bei
solchen Nachrichten?
Es ist der totale
Kollaps der neoliberalen Illusionen. Die Staatseingriffe bei den Banken
gehen in Richtung Staatskapitalismus. Ob daraus eine Planwirtschaft
entsteht, lasse ich mal offen – hoffentlich nicht. Was an der Oberfläche
als Finanzkrise erscheint, ist in Wahrheit der Totalbankrott der
amerikanischen Managementlehren, die komplexe Systeme nicht erfassen
können, denn ohne diese hätte es zu diesem Desaster nicht kommen können.
Wäre dies
tatsächlich das Ende des Neoliberalismus, was käme danach?
Es herrscht ein
Missverständnis darüber, was Märkte können und was nicht. Die
herkömmliche Marktwirtschaft ist ja nicht angenehm. Jeder Kenner weiss,
es ist ein miserables System, aber alle andern sind noch viel
schlechter. Es ist einfach das geringste Übel. Märkte korrigieren, aber
erst, wenn es zu spät ist, mit riesigen Schäden. So entstanden bisher
mit der Regelmässigkeit von sechzig bis siebzig Jahren Krisen.
Wie gesagt, was wäre
die Alternative?
Funktionierende
Märkte statt neolibera-le Schönwetter-Veranstaltungen. Märkte brauchen
kybernetische Systeme und daher neue Regeln zum Funktionieren. Die
stabilisierenden Regeln sind ausser Kraft gesetzt worden, zerstörerische
Kräfte wurden jeden Tag noch höher gelobt.
«Zerstörerische
Kräfte» klingt abstrakt. Können Sie konkreter werden?
Der Kern des Übels
ist die aus den USA kommende Corporate Governance, die von dort aus auf
die ganze Welt ausstrahlte. Die heutige Situation ist die Folge einer
völlig fehlgeleiteten Unternehmensführung aufgrund des
Shareholder-Value-Denkens, das impliziert, Unternehmen seien da, um
reiche Leute noch reicher zu machen. So kam es zu falschen
Bankenstrategien, kurzfristigem Denken, das zu schlechter
Personalpolitik führte und geldgetriebene Manager an die Spitze der
Unternehmen brachte.
De facto haben die
Bankenmanager versagt und eine der grössten Krisen der Weltwirtschaft
verursacht.
Die Manager sind
aber natürlich nicht alleine Schuld. Tausende von Consultants haben
schlechte Kompensationssysteme eingeführt, Headhunter die falschen Leute
ausgesucht und uns weismachen wollen, dass nur die teuersten Manager die
besten seien, dabei hätte das Debakel, das wir jetzt haben, auch von
billigen Managern verursacht werden können. Dann all diese
Unternehmensberater mit ihren Wertsteigerungsstrategien und ihrem
Corporate-Governance-Unfug. Und jene Firmen, die kritiklos die
amerikanische Rechnungslegungsvorschriften übernommen haben, ohne daran
zu denken, dass wir hierzulande Vorschriften hatten, die viel solidere
und bessere Bilanzen ermöglichten.
Warum hat niemand
den Kollaps kommen sehen?
Weil man die
falschen Methoden benützt. Alan Greenspan ist ein genialer Mann und
hätte den Kollaps erkennen müssen, stattdessen hat er eine Blase nach
der anderen produziert. Wenn man sieht, dass eine Börse derartigen
Aufschwung nimmt, muss man sich fragen warum. Die Turbos dafür waren
Gier und Schulden, nicht die vermeintlich guten Ergebnisse der
Unternehmen, wie man glaubte. Die US-Wirtschaft wurde hochstilisiert,
dabei war sie in Wirklichkeit seit 1995 im Niedergang. Schaut man sich
die langfristigen Zahlen an, gibt es keinen einzigen Faktor, der nach
oben zeigte, darunter das Aussenhandelsdefizit, der Verschuldungsgrad,
die Produktivität oder die reale Investitionsquote, die die niedrigste
seit dem Zweiten Weltkrieg ist. Zudem sind die Wirtschaftszahlen der USA
seit 1994 geschönt.
Das klingt nach
Verschwörungstheorie.
Ich sage nicht, dass
die Zahlen gefälscht sind. Sie sind vielmehr aufpoliert. Die
Wachstumsraten in den USA von 2 bis 2,5 Prozent wurden jahrelang zu
schön ausgewiesen, ebenso die Produktivitätszahlen.
Denken Sie, mit den
staatlichen Rettungspaketen für die Banken ist nun das Schlimmste
vorbei?
Nein. Denn wir
müssen mit schwerwiegenden Konsequenzen für die Wirtschaft rechnen. Sie
befindet sich in einer Deflation, zum ersten Mal seit den dreissiger
Jahren. Noch bis vor wenigen Wochen hat man von Inflation gesprochen,
obwohl der Deflationskrebs schon lange wuchert. Nun sinken die Preise
auf breiter Front. Und zwar dort, wo man es für unmöglich gehalten
hatte, im Sachwertbereich, an den Aktienmärkten ebenso wie im
Immobiliensektor, bei den Rohstoffen und Edelmetallen. Private kaufen
nicht, weil sie es morgen billiger bekommen. Die Umsätze der Unternehmen
sinken, weshalb diese die Kosten senken müssen. Die Arbeitslosigkeit
wird zunehmen, viele Unternehmen werden eingehen. Die Steuereinnahmen
werden um 20 bis 40 Prozent sinken.
Der erfolgreiche
Investor Warren Buffett ist gegenteiliger Ansicht. Er geht davon aus,
dass die Börsen den Tiefpunkt erreicht haben und es sich jetzt lohnen
würde einzusteigen.
Es kann in den
kommenden Monaten an den Börsen eine Erholung geben, in der
Grössenordnung von etwa 30 bis 50 Prozent. Das macht die Leute glauben,
wir hätten das Schlimmste hinter uns, die Massnahmen hätten gegriffen.
Der Alkoholiker wurde durch den Schnaps geheilt, wir können so
weitermachen wie bisher. Dann wird das Debakel erst beginnen. So war es
noch jedes Mal, wie uns die Finanzgeschichte zeigt. Von November 1929
bis April 1930 hat sich der Dow Jones nach dem Crash um die Hälfte
erholt. Danach hat erst die wirkliche Talfahrt begonnen.
Wie weit abwärts
kann es denn noch gehen?
Jede Hausse geht
dorthin, wo sie hergekommen ist. Der Bullenmarkt hat 1982 bei einem Dow
Jones von 1000 gestartet. Selbst wenn der Dow Jones nur auf 2000 Punkte
sinkt, ist das gewaltig. Die Krise wird daher erst gegen 2012 überwunden
sein, aber nur, wenn man umzudenken bereit ist. Herr Buffett ist somit
bei Goldman Sachs wohl zu früh eingestiegen.
Kann man als
Privater auf all das reagieren?
Als Bergsteiger habe
ich gelernt, dass es zwei Arten von Alpinisten gibt, die Kühnen und die
Alten. Ich gehöre zu den Letzteren, denn wenn man als Bergsteiger alt
werden will, muss man sich vorbereiten auf schlechtes Wetter, Schnee und
Sturm. Wenn das Wetter hält, wunderbar. An guter Vorbereitung ist noch
niemand pleitegegangen. Aber an oberflächlichem Beschönigen der Krise,
an naivem Gottvertrauen schon. Gott hilft, aber nur den Vorbereiteten.
Vorbereitung klingt
gut, aber wie?
Für Private heisst
das, dass Geld im Moment das Wichtigste ist. Unternehmen sollten einen
guten Krisenplan und eine neue Strategie in der Schublade haben.
Für einen
Neoliberalen-Gegner wie Sie dürfte wohl nichts dagegen sprechen, dass
die Politik der UBS mit einem 68-Milliarden-Franken-Paket aus der
Patsche hilft?
Der Patient liegt
auf der Notfallstation, ihm muss geholfen werden. Aber in Wirklichkeit
ist es so, dass man einen Alkoholiker mit Schnaps therapiert. Es hilft,
wenn er zittert, aber es heilt nicht den Alkoholismus. Die Lösung ist
nicht in den ökonomischen Bereichen zu suchen, sondern in der Abwendung
von der fehlgeleiteten Shareholder-Value-Philosophie. Diese
Pervertierung sieht man jetzt selbst in der Politik.
Inwiefern?
Die staatlich
zugeführten Mittel, so hört man aus den USA, sollen massgeblich dazu
verwendet werden, den Aktionären eine Dividende zu bezahlen, damit der
Kurs nicht fällt. Das ist ein Irrenhaus. Die Kurse sind schon gefallen.
Zudem sollen mit den zugeführten Mitteln Boni bezahlt werden. Die UBS
braucht sieben Milliarden und will, so hiess es, nun Boni in etwa
derselben Höhe ausbezahlen. Wofür? Für den Verlust, den sie eingefahren
hat? Das ist ein krankes System. Die Politik hat ihr Pulver verschossen.
Für eine zweite Hilfswelle dieser Art fehlen die Mittel. Da muss sich
die Bankenbranche bzw. die Wirtschaft schon selber retten.
Hat die Wirtschaft
das Potenzial dazu?
Es ist ein
radikaler, tiefgreifender Umbau von Unternehmen nötig, die sich am
Shareholder-Value-System orientierten. Diese Irrlehre hat vielen
Managern das Leben einfach gemacht. Man konnte jeden Tag am Börsenkurs
ablesen, ob die Firma eine Wertsteigerung verzeichnete oder nicht. Das
hat aber nichts mit funktionierendem Management zu tun, sondern ist
Kindergarten. Die tägliche Steigerung der Wettbewerbsfähigkeit und des
Kundennutzens muss oberstes Gebot sein und nicht, die Aktionäre reich zu
machen, indem die Gewinne maximiert werden. Was übrigens sehr einfach
ist. Man schraubt das Marketing runter, investiert nichts mehr in die
Ausbildung, drosselt die Innovationen. Kurzfristig steigt der Gewinn.
Genau damit macht man die Aktionäre aber arm, weil es zu Lasten der
Leistungsfähigkeit des Unternehmens geht. Reich werden Aktionäre durch
zufriedene Kunden, aber nicht umgekehrt.
Diese Systemkrise
als Anlass, in den Unternehmen aufzuräumen?
Ja, und nicht nur
dort. Man kann jetzt eine riesige Müllabfuhr machen, Consultants, die am
alten Denken festhalten, rausschmeissen, Organisationsstrukturen
verändern wie die Matrixorganisation, die nur eine Behinderung
darstellt, das Controlling verbessern, Finanzkennziffern wie das Ebitda
verbannen, dafür das von mir vorgeschlagene EAE, earnings after
everything, einführen, Reserven bilden und mit dem Transparenzspuk
aufhören. Wieso soll ich als Unternehmen meinem Konkurrenten auf einer
Roadshow meine Strategie aufdecken? Zudem sollten die Rechte der
sogenannten Investoren eingeschränkt werden.
«Sogenannte»
Investoren?
Man muss zwischen
Papier-Aktionären und Unternehmer-Aktionären unterscheiden. In den USA
werden jährlich neunzig Prozent der Aktien umgeschichtet. Diese
«Investoren» sind nicht Share-Holder, sondern Share-Turner. Man sollte
Papier-Investoren das Stimmrecht entziehen. Wenn man an der Bestellung
des Verwaltungsrats mitwirken will, soll man die Aktien für die
Amtsdauer halten müssen. Wer aber seine Aktien sofort verkaufen will,
was ja erlaubt sein soll, sollte nicht mitwirken dürfen bei der
Bestellung der Organe. Papier-Investoren sind Leute, die Aktien kaufen,
weil sie an die Performance des Papiers glauben, nicht an das
Unternehmen. Das sind zwei verschiedene Dinge. Ein wirklicher Aktionär
ist Eigentümer, der genau dann bleibt, wenn es dem Unternehmen
schlechtgeht.
Laut dieser
Folgerung müsste den Hedge-Funds das Stimmrecht aberkannt werden.
Ja, aber die wird es
in zwei, drei Jahren ohnehin nicht mehr geben. Wer braucht schon
Hedge-Funds? Welche Funktion erfüllen sie? Gar keine.
Private-Equity-Funds schon eher. Aber die müssen sich jetzt auch
langfristig orientieren. Schnell eine Braut innert dreier Jahre
schönmachen, damit sie geheiratet wird, nein, das funktioniert nicht
mehr. Private-Equity-Funds werden sich umorientieren und sich als
langfristige Strategen bewähren müssen.
Laut wird gefordert,
dass Managerlöhne plafoniert werden sollen. Zu Recht?
Nein, das ist die
ureigenste Aufgabe des Verwaltungsrats die er sich hat aus der Hand
nehmen lassen –, am Ende des Jahres zu entscheiden, wie viel aus dem
Ergebnis, wenn überhaupt, zur Verfügung gestellt wird, um das Kader zu
honorieren. Das kann mehr sein, oder gar nichts. Lukas Mühlemann,
ehemaliger CEO der CS, hat es innert dreier Jahre verstanden, die Bank
zu ruinieren. Als die CS in der Folge von Oswald Grübel gerettet wurde,
sind Leute gekommen, die ihm den Bonus streitig gemacht haben. Wer, wenn
nicht jemand, der eine Bank rettete, soll einen Bonus bekommen, habe ich
damals im «Kassensturz» plädiert. Im Moment wird ein ganzer Berufsstand
desavouiert, der sorgfältige Arbeit macht, gesunde Unternehmen hat und
tüchtige Mitarbeiter. Über die wird nicht geschrieben. Es sind die
Egomanen, die Personenkult betrieben haben, über die man liest. Die es
übrigens nicht nur im Bankensektor gibt. Ich denke da nur an einen
Jürgen Schrempp . . .
. . . den ehemaligen
Daimler-Chrysler-Chef?
Ich wurde damals,
Ende der neunziger Jahre, in Zusammenhang mit der Fusion zwischen
Daimler und Chrysler aufgefordert, vor sechzig Managern, die mit dieser
Aufgabe beschäftigt waren, zu referieren, wie man so eine Aufgabe
bewerkstelligt. Meine Antwort war, dass es nicht funktionieren, sondern
scheitern werde. Das hat mich Aufträge gekostet. Herr Schrempp hat durch
die Fusion dann an die sechzig Milliarden Euro vernichtet, aber er
konnte Kritik eben nicht aushalten.
Das Vertrauen in die
Wirtschaft ist angeknackst. Kann es wiederhergestellt werden?
Jetzt müssen
richtige Unternehmer in die Arenen, gestandene Leute wie ein Nicolas
Hayek, auch Peter Brabeck, Edgar Oehler, oder ein Johann
Schneider-Ammann, der zwar auftritt, aber nur sehr milde. Die müssten
jetzt reden, und nicht Verbandsfunktionäre, Pressesprecher oder die
Funktionäre einer Economiesuisse, die mitgewirkt haben bei diesem
Corporate-Governance-Zirkus. Die richtigen Unternehmer und guten
Manager, die es von Anfang an besser gemacht haben, müssen bekennen,
dass bei einigen die Unternehmensführung aus dem Ruder gelaufen ist, und
nun zeigen, wie es besser laufen soll.
Welches werden die
Gewinner dieser Bankenkrise sein?
Unternehmen können
Konkurrenten, die an falschen Strategien festhalten, zu tiefen Preisen
übernehmen. Man kann in Technologien investieren, die bislang keine
Chance hatten, und man hat die Jahrhundertchance, jetzt alles zu ändern,
was man schon immer ändern wollte, auch in der Politik. Sehen Sie, auch
wenn es uns schlechter geht, wird es uns noch immer viel besser gehen
als jeder anderen Generation vor uns. Es wird uns vielleicht nicht mehr
so gut gehen wie ein Jahr zuvor. Aber heutzutage kann man auf Konsum
verzichten, ohne dass einem etwas fehlt. Ich habe drei Wintermäntel, was
macht es mir, wenn ich nächstes Jahr keinen kaufe. Früher haben die
Menschen einen Mantel gekauft, weil sie gefroren haben. Damit es aber
bessergehen kann, muss man radikal umdenken. Bildlich gesprochen: Die
Raupe muss sterben, weil ein Schmetterling geboren werden will.
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